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Netzjagd Nr. 37

Laut der Studie Go Smart 2012* nennt ein Drittel aller Befragten mobile Bezahlfunktionen als interessanten Grund, sich ein Smartphone zuzulegen. Oje, was ist, wenn rauskommt, dass es kaum welche gibt? Ein brandneuer Dienst will jetzt alles revolutionieren. Jedenfalls in Amerika.

Seit Mitte der Neunziger gibt es zig Versuche, das Handy als Zahlungsmittel einzusetzen. Überraschenderweise ist bis heute dabei hauptsächlich Murks rausgekommen. Einer der groteskeren “Lösungen” hat sich Ende letzten Jahres die Telekom angeschlossen. Mpass zum Beispiel macht es total einfach, beim Online-Shopping nicht einfach online den Einkauf abzuschließen, sondern quasi über Bande zu bezahlen: Per SMS-Bestätigung auf dem Handy und allerlei Gebühren. Tricky.

Kurios ist auch diese Lösung von Concardis, einem Dienstleister für bargeldlosen Zahlungsverkehr. Dort gibt es eine App fürs iPhone. Damit kann man zwar auch nicht mobil bezahlen, aber kassieren. Das ist laut Anbieter besonders dann nützlich, wenn man zum Beispiel “Handwerker, Lieferdienst, Taxifahrer, Schausteller, Marktstandbetreiber, Aussteller etc.” ist. Also zur Kernzielgruppe der iPhone-Nutzer gehört.

Einer der üblichen Verdächtigen, PayPal, präsentiert eher exotische Kleinanwendungen auf seiner Website, und die Telekom kündigt immerhin eine “Mobile Wallet” genannte Anwendung für dieses Jahr an.

Wo die Großen also aus dem Rennen sind, wittern die kleinen Unverdächtigen ihre Chance – und nutzen sie. In der Schweiz ist es kein Anbieter von E-Commerce-Lösungen oder ein Kredithaus, sondern der Verlag Ringier. Und mit seiner iPhone-App Vanilla kann man nun in jeder Schweizer Filliale von Spar, bei BP und vielen anderen mit einem generierten Strichcode auf dem Bildschirm zur Kasse gehen. Vanilla scheint sich vor allem als Prämiensystem zu verstehen – mobile payment findet sozusagen als Add-on statt, um die Prämien noch leichter einzusammeln. In der Premium-Variante des Dienstes will Vanilla uns allerdings Kreditkarten und Mehrwerte für 100 CHF/Jahr verkaufen.

Viel revolutionärer als alles bisher Dagewesene präsentiert sich ein Dienst aus den USA in einer Form, die vor wenigen Tagen erst vorgestellt wurde. Dwolla will die Plastikkarten gänzlich aus dem Transferzyklus verbannen. Dwolla kassiert lediglich eine Flat-Fee von 0,25 $ pro Transaktion, erspart dem Händler die umsatzabhängige Kreditkartengebühr und somit viel Geld. Alle Überweisungen funktionieren direkt von Bank zu Bank.

Außerdem führt Dwolla die Masche des Location-Based-Eincheckens wie bei Foursquare, Gowalla, Facebook Places etc. für den Zahlungsverkehr ein. Ganz ohne Strichcode-Schnickschnack übrigens, sondern eben per Check-in und Pincode-Eingabe. Der Händler sieht auf seinem Rechner, iPhone oder iPod touch sofort, wie die Zahlung eingeht. Die Anschaffung spezieller Hardware oder spezieller Abrechnungssysteme entfällt. Offenbar auch jede Information darüber, was der Kunde denn nun gekauft hat. Vielleicht sollte man über die Sache mit dem Strichcode-Schnickschnack doch noch mal nachdenken. Jedenfalls in der mobilen Version.

Ansonsten scheint das Zahlungssystem schon relativ weit gediehen. Die Zahlungs-App liegt bereits für iOS, Android und Windows Phone vor. Einkaufswagen-Integration gibt es für drei E-Commerce-Plattformen inklusive Magento. Beeindruckend ist auch, wieviel Energie die Leute in ihr Produkt stecken und wie wenig in ihre Website. Die ist nämlich völlig wirr. Könnte bei einem Produkt wie diesem einige Nutzer abschrecken.

Für europäische Käufer ändert sich vorerst nichts. Den Double-Decaf-Large-Foam-Soy-Latte kann man erstmal nur in den Staaten mit Dwollars zahlen.

* TNS Infratest und Trendbüro für Google und Otto Group (S. 15)

  1. Thomas sagt:

    Das Interesse an das mobile Bezahlen per Smartphone ist sicherlich da, aber hier stellt man sich dennoch immer noch die Frage, inwieweit eine Sicherheit der Daten geboten wird. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies immer noch sehr viele davon abhält darauf zurückgreifen.

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